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Kurt Kaiser
 

Die 100 Schilling Frage

 

Wer war Eugen Böhm von Bawerk? Und warum hatte er mit seinen Thesen schon vor 122 Jahren Recht? Exkurs ins Jetzt: 11 Jahre lang waren die Zinsen in der Euro-Zone für alle Staaten in etwa gleich hoch, das galt bis 2009. Doch dann ging den Spekulanten im Sog der Finanzkrise offenbar der Stoff zum Kohle machen aus. In der Finanzkrise hat der neoliberale Dunst endgültigen Einzug in die Köpfe der politischen Eliten gefunden. Staaten wurden vogelfrei, Ratingagenturen, alle aus Amerika, entscheiden seitdem was ein guter oder ein böser Staat in Europa ist. Wobei es bis heute unklar ist, ob die große Mehrheit der Politiker in Europa intellektuell auch nur annähernd in der Lage waren und sind, diese Entwicklung überhaupt zu bemerken. Eugen Böhm von Bawerk war im Übrigen Österreicher, Finanzminister und großer Denker. Auch das scheint seit Jahren eine Kombination, die für einen Finanzminister „Made in Austria“ undenkbar, wenn nicht sogar ausgeschlossen ist. Griechenland zahlt derzeit rund 17 % Zinsen, vor drei Jahren waren es noch rund 5 %. Jeder, der selbst eine Kredit laufen hat, weiß was das heißt: eine versteckte Anweisung zum Sterben. Noch dazu wenn man sich dabei so kaputt sparen muss, dass es soziologisch einfach nicht mehr geht. Abwärtsspirale. Aus. Ende. Suizid auf Raten. Aber wer bekommt dann eigentlich die vielen Hunderten Milliarden Euro, die in dieses Griechenland Spiel hineingepumpt werden? Bingo. Spekulanten, die wiederum gemeinsame Sache mit den gottgleichen amerikanischen Ratingagenturen machen, die Götter, die den Daumen nach oben oder unten halten. Anstatt sich gegen die selbsternannten Richter über Gut und Böse zu wehren, hat die EU kein anderes Rezept parat, als sich diesen „marktgetriebenen Prozessen“ auszuliefern, zahlen ohne Ende und Griechenland trotzdem den finanziellen Todesstoß zu versetzen. Gleichzeitig setzt man Europa und den Euro leichtfertig aufs Spiel. Diese EU ist nicht mehr als eine Fantasie, ein Gebilde aus Milliarden von Regeln und Regulierungen, die aber nur nach Zufallsprinzip Anwendung finden. Milton Friedman, immerhin Nobelpreisträger, hat bereits vor der Euro Einführung gesagt, dass diese Währung unter diesen Voraussetzungen eine Krise nicht überleben wird. Man hat in den letzten zwei Jahren mit nichts auf der Welt mehr Geld verdienen können, als gegen Griechenland zu spekulieren. Es bleibt zu hoffen, das Europas Politiker nicht weiter Milliarden in den Rachen von Spekulanten schieben, anstatt endlich eine europäische Ratingagentur zu gründen, die Gleichgewicht schafft. Oder gar vom Dogma „Staat ist schlecht, der Markt hat Recht“ abgeht und endlich kapiert, dass Staaten keine Firmen sind. Wechselkurse und Zinssätze dürfen nicht blind dem Markt überlassen werden, und aus. Eugen Böhm von Bawerk war im Übrigen ein bemerkenswerter Finanzwissenschaftler, der in seinen Werken, die keineswegs „links-link“ oder überbordend kapitalismuskritisch waren, vor solchen Entwicklungen immer gewarnt hat. Sein Konterfei schmückte die gute alte 100 Schilling Banknote. Es hat Österreich und seiner Entwicklung alles in allem sehr gut getan, dass der  Schilling nostalgische Geschichte ist. Ob er Geschichte bleibt und es weiterhin ein vereintes Europa, eine geeinte Währung geben wird, liegt in den Händen unserer derzeit völlig überforderten Politiker. „Sprache statt Strache“, hat vor kurzem Jan Mariusz Demner im ORF gefordert, denn „Unser Geld für unsere Leut“ sei natürlich nicht richtig. Sonst hätte Rest-Österreich ja auch Kärnten in den Konkurs schicken müssen. Dann wäre jetzt aufgrund der Landeshaftungen Österreich an der Stelle von Griechenland. Keine schöne Vorstellung, by the way.  Richtig ist der markige Strache Spruch also nicht, aber Strache punktet mit stark vereinfachter Sprache, mit der Sprache der „kleinen Bürger“, wie es sein Vorbildklon Jörg Haider, der wiederum nicht ganz unbeteiligt an der Hypo Alpe Adria Misere und den vielen Spekulationsgeschäften in deren Umfeld war, schon immer wusste.  Und Eugen Böhm von Bawerk, was hätte er getan? Die 100 Schilling Frage bleibt unbeantwortet in Raum und Zeit.

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